Stimmtraining: Wie man mit Klängen überzeugt

Es klapperten die Klapperschlangen, bis ihre Klappern schlapper klangen. Wusstet ihr, dass an der Produktion dieses Zungenbrechers 100 verschiedene Muskeln beteiligt waren? Und dass Stimmen heilen können? Wir begeben uns auf einen Streifzug durch die unglaubliche Macht der menschlichen Stimme – und ein Experte verrät, wie man das Faszinosum Stimme gekonnt als Werkzeug einsetzt.

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Stimmgewalt.

Erstaunliches zur menschlichen Stimme

  • Stimmen sind sexy: US-Psychologen fanden heraus, dass Menschen mit einer ohne Sichtkontakt als „attraktiv“ beschriebenen Stimme im Leben mehr Sexualkontakte haben.
  • Wunderwerk Stimme: An der Formulierung eines durchschnittlichen Satzes sind mehr als 100 verschiedene Muskeln der Brust, des Halses, des Kiefers, der Zunge und der Lippen beteiligt (Quelle).
  • Neckischer Stimmsturz: Beim Flirten sprechen Menschen einer Studie zufolge mit einer deutlich tieferen Stimme.
  • Mama macht Mut: Wer Muttis Stimme hört, der produziert nachweislich mehr des Stressabbau-Hormons Oxytozin – und wacht schneller auf, als wenn der Rauchmelder erklingt (Studie).
  • Klänge können kurieren: Die Stimme ist ein natürlicher Regulator unseres Organismus, da sie den Übergang zwischen Innen und Außen schafft. Stimme und Gesang werden seit Jahren mit Erfolg in der Psychotherapie eingesetzt (hierzu lohnt ein Einblick in das Forschungsprojekt der Heidelberger Universitätsklinik zu vokaler Kommunikation).

Warum Stimm-ung ansteckt

Schon ohne Worte und Sätze hält die Stimme eine Vielzahl an Informationen bereit. Stimmfrequenz, Tonlage, Sprechmelodie, Intonation, Schwingungen und Resonanzen sind auch ohne Wortsymbole Hauptinformationsträger der menschlichen Kommunikation. Mit kleinsten Nuancen unseres Stimmgerätes transportieren wir – für viele von uns heute eher unterbewusst – Details unseres Befindens, kurz, unsere Emotionen.

Evolutionsbiologisch dienen Emotionen dazu, schnell und treffend Auskunft über die aktuelle innere und äußere Lage zu vermitteln, um seinen Interaktionspartner zu informieren, möglicherweise sogar vor Gefahr zu warnen. Dementsprechend ist es sinnvoll, dass eine positive oder negative Stimmung „ansteckend“ wirkt, denn das Gegenüber imitiert die empfundene Emotion (Psychologen nennen das in Bezug auf unsere Mimik „emotionale Ansteckung“), um sich in die Lage des Anderen zu versetzen und für die aktuelle Umweltlage gerüstet zu sein.

Bevor der menschliche Sprachapparat voll entwickelt war, waren diese Klänge also überlebenswichtig, heute laufen sie gewissermaßen „neben den Worten her“. Zeit, sie wieder ins Bewusstsein zu rücken.

Bin ich wie ich klinge?

Der gewaltige Einfluss der Stimme auf das Bild einer Person wird schon etymologisch deutlich: „Person“ kommt aus dem Griechischen „per sona“, zu Deutsch: „durch den Klang“ (Quelle). Menschen sind ver-stimmt oder besonders be-stimmt, vielleicht herrscht auch mal totale Un-stimmigkeit. Wir sind also wie wir klingen. Oder doch nicht?

Stimmen können Vertrauen wecken, Angst einflößen, motivieren, beruhigen, erschrecken, uns zum Lachen bringen, uns zum Weinen bringen, uns einschläfern und uns aufwecken. Die längst noch nicht abgeschlossene Liste zeigt: Die Stimme ist ein fundamentales Kommunikationswerkzeug. Aber: Stimmen können auch verstellt werden, also täuschen.

Kommunikationstrainer Frederik Beyer von www.erfolgsfaktor-stimme.com will Menschen helfen, diese Kommunikationsebene wieder bewusst wahrzunehmen und zu ihrem Vorteil zu nutzen. Sein Ziel ist es, erfolgreiches Kommunizieren beizubringen und zu lehren, wie eine Stimme Präsenz, Überzeugungskraft, Optimismus, Persönlichkeit und Kompetenz ausdrücken kann, ohne verstellt zu wirken. In einem Interview verriet uns der Stimmcoach, was die Macht der Stimme ausmacht und wie wir uns dieser bemächtigen können.

Stylonic: Warum ist die Stimme so wichtig für uns?

Gegenfrage: Wie viele Wörter schreiben Sie am Tag? Und wie viele Wörter sprechen Sie? Wie fast alle anderen Menschen auch werden Sie vermutlich mehr sprechen als schreiben. Die Stimme ist also – trotz E-Mail, Chat und SMS – nach wie vor DAS Kommunikationsmittel.

Hinzu kommt, dass jeder Dritte in seinem Job in besonderem Maß auf seine Stimme angewiesen ist. Solche Voice Worker sind nicht nur professionelle Redner, Schauspieler oder Opernsänger, sondern auch Manager, Politiker, Führungskräfte, Richter, Staatsanwälte, Lehrer, Erzieher, Dozenten, Referenten, Journalisten, Moderatoren, Vertriebsmitarbeiter, Call-Center-Agents und viele mehr. Was all diese Berufe eint: es kommt nicht nur auf die fachliche Qualifikation an, sondern mindestens ebenso auf die stimmliche Performance.

Was kennzeichnet eine sympathische Stimme?

Eine gute Frage, die einfach klingt, aber schwer zu beantworten ist! Denn ein und derselbe Mensch kann auf den einen absolut sympathisch wirken, auf den anderen absolut unsympathisch. Genauso ist es auch mit der Stimme. Auch Stimmen sind Geschmackssache. Ich wage dennoch eine vorsichtige Definition. Aus meiner Sicht wirkt eine Stimme sympathisch, wenn sowohl Stimme und Persönlichkeit als auch Stimme und Körper miteinander harmonieren, kurz: wenn die Stimme „stimmig“ klingt.

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Selten verstimmt: Stimmtrainer Frederik Beyer.

Wie können wir an unserer Stimme arbeiten und wie groß sind die möglichen Veränderungen?

Viele Menschen meinen, die Stimme könne man nicht verändern. Die Stimme sei gewissermaßen angeboren und damit eine Art Schicksal, das man hinnehmen müsse. Das aber ist falsch. Die Stimme ist keine ein für alle Mal feststehende Eigenschaft, sondern eine ziemlich flexible und trainierbare Fähigkeit. Die möglichen Veränderungen sind oft wesentlich größer, als ursprünglich gedacht.

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, wie Sie Ihre Stimme optimieren können. Wichtig vor allem: die Stimme ist etwas Praktisches. Reden lernt man nur durch Reden. Sie müssen es also tun. Am besten mit einem professionellen Trainer. Denn da Sie sich selbst anders hören, als andere Sie hören, sind Sie auf Feedback von außen angewiesen. Zusätzlich ist es hilfreich, die eigene Stimme aufzunehmen. Smartphone oder Diktiergerät sind dafür vollkommen ausreichend. Sprechen Sie frei, lesen Sie vor – und analysieren Sie Ihre aufgezeichnete Stimme. Wenn Sie ernsthaft daran interessiert sind, Ihr Sprechen zu verbessern, dann lassen Sie sich coachen.

Wie deine Stimme für dich wirbt

Genau wie man durch eine gute akustische Markenwerbung die gewünschte Zielgruppe auf einer anderen Ebene erreichen kann (Stichwort Audiobranding), so kann der richtige Einsatz der eigenen Stimmkapazitäten eine gewünschte Gruppe gezielt ansprechen. Sprechen wir hoch und schrill, werden uns wohl keine seriösen Manager ernst nehmen, ist die Stimme besonders tief und rau, fühlen sich Kinder vielleicht gelangweilt oder sogar verängstigt. In welchen Alltagssituationen kann uns das Stimmtraining besonders unterstützen?

In welchen Bereichen ist eine trainierte Stimme vorteilhaft für uns?

In nahezu allen Bereichen. Und besonders in Situationen, die für uns wichtig sind. Zum Beispiel bei Produkt-Präsentationen, in Meetings und Telefonkonferenzen, in Akquise-Gesprächen oder auf der Messe. Gerade in heiklen oder schwierigen Situationen ist es von Vorteil, über Strategien und Techniken zu verfügen, wie es uns gelingt, gelassen und souverän zu bleiben. Genau das gehört zu meinem Spezialgebiet. Ich zeige meinen Klienten, wie es ihnen gelingt, auch in vermeintlich „schwierigen“ Situationen mit fester Stimme zu sprechen, auch wenn sie bislang noch vor jedem Statement weiche Knie bekommen.

Und wie sieht’s beim anderen Geschlecht aus? Haben wir mit einer angenehm klingenden Stimme wirklich bessere Chancen?

Ja, unbedingt! Die Stimme bestimmt, wie wir wirken. Und das immer, auch beim anderen Geschlecht. Bei den Männern ist es einfach. Egal ob Fachvortrag oder Flirt – Männerstimmen kommen gut an, wenn sie eher tief, voll und kernig klingen. Bei Frauen ist es etwas schwieriger. Neueste Studien zeigen, dass Frauen, die mit tiefer und kräftiger Stimme sprechen, besonders kompetent wirken. Dafür aber auch weniger sympathisch. Umgekehrt wirken Frauen, die eher hoch und hell sprechen, zwar sympathisch, gleichzeitig jedoch weniger kompetent. Ein Dilemma, das Männer so nicht kennen.

Ab zum Üben!

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Übung macht den Meister!

Wir geben zu: das klingt alles ein bisschen zu gut, um wahr zu sein. Doch wie Frederik mit Recht anmerkt, gibt es nur eine Praxis des Stimmtrainings, und kein theoretisches Befürworten oder Ablehnen. Hier hilft also nur: Austoben! Eine kleine Übung aus Frederiks Repertoire zum Einstieg wird euch vielleicht Erstaunliches offenbaren:

Stimmübung für Anfänger
Nehmen Sie sich eine Viertelstunde Zeit, nur für sich, ganz allein. Schließen Sie die Tür, stellen Sie sich in die Mitte des Raums und beginnen Sie einfach genüsslich zu summen, in angenehmer Tonlage. Wichtig: Es geht bei dieser Übung nicht um Leistung, sondern um Wahrnehmung. Denken Sie einfach an Ihr Lieblingsessen, so dass Ihnen das Wasser im Munde zusammenläuft.

Genießen Sie das Summen, so, als ob die Stimme von allein kommt, in bequemer Lautstärke. Machen Sie nun zusätzlich zum Summen Kaubewegungen. Die Kaubewegungen dürfen dabei groß und ausladend sein. Zusätzlich können Sie Ihr Gesicht leicht massieren. Wenn Sie das etwa eine Minute gemacht haben, fragen Sie sich: Wie klingt Ihre Stimme jetzt? Sicherlich etwas tiefer als sonst, oder?

Nun legen Sie Ihre Hände auf Ihre Brust und spüren Sie, was sie spüren. Sicherlich nehmen Sie Vibrationen im Brustkorb wahr? Genau das ist der legendäre “Brustton der Überzeugung”. Viele Sprechtrainer sagen dazu auch “Eigenton”. In diesem Eigentonbereich fühlt sich die Stimme am wohlsten. Verlieben Sie sich einfach weiter in diese Vibrationen in Ihrem Brustkorb und verstärken Sie sie. Und staunen Sie, wie leicht Ihnen das fällt…

 

Shutterstock.com/racorn/Chepko Danil Vitalevich, frederikbayer.de

Marie

Marie

Im Stylonic-Team versuche ich mit meiner verqueren Birne ironisch und provokant und manchmal einfach mit Berliner Schnauze die staubige Online-Landschaft etwas aufzuwirbeln. Am liebsten schreibe ich über meine eigenen Erfahrungen beim Reisen oder Tagträumen und über die ganz normalen Verrücktheiten, die uns im Leben so begegnen. Wörter, von denen die Welt mehr braucht: quietschfidel und schnabulieren.
Marie

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