Gespräch mit einem Literaturkenner: Ist Lesen out?

Experten warnen davor, Studien beharren darauf und unser Bauchgefühl bestätigt es: Wir lesen nicht mehr so viel wie früher. Grund zur Beunruhigung oder Übergang in eine neue Lese-Ära? Wir haben uns mit Dr. Marcel Gröls, Literaturkenner und Betreiber eines erfolgreichen Online-Bücherportals, über unser Leseverhalten, die E-Book-Welle und die Leseart der Zukunft unterhalten. 

More knowledge!  Young man in formalwear hiding his face behind a book while standing against grey background

Lesen wir vielleicht zukünftig mit der Nase?

Die Fakten

Die Tendenz ist deutlich und wissenschaftlich nicht zu bestreiten: Immer weniger Deutsche lesen in ihrer Freizeit Bücher. In einer VuMA-Umfrage gaben 2010 noch 14,45 Millionen Menschen an, mehrmals wöchentlich zu lesen, 2014 nur noch 12,77 Millionen. Die Umsatzentwicklung des Deutschen Buchmarktes verrät Ähnliches: Von 9,7 Milliarden Euro im Jahr 2009 wurde für 2015 ein Rückgang auf 9,58 Milliarden Euro prognostiziert.

Fabelhafte Bücher – fabelhafte Rezensionen

Dr. Marcel Gröls ist nicht nur Arbeitsrechtler, Personalwirt und passionierter Privatleser, sondern betreibt „nebenbei“ eine Online-Seite mit Buchrezensionen, Biografien, Interviews und vielem mehr, die inmitten des Leserückganges in Deutschland etwas Kurioses verzeichnet: Erfolg. Mit Millionen von Zugriffen ist seine Bücher-Website „fabelhafte-buecher.de“ ein Hoffnungsschimmer für die Buchindustrie.

Gro_ls_Marcel-2040Sein „berufliches Doppelleben“ als Arbeitsrechtler und Literaturkenner (laut Hansa Literaturverlag) begann er auf der Suche nach wirklich guten, ehrlichen und schwungvollen Rezensionen:

Rezensionen in Zeitungsfeuilletons waren mir oft zu langatmig und zu hochtrabend. Außerdem sind es immer wieder die gleichen Autoren, die da besprochen werden. Das werfe ich den Zeitungen nicht vor – die müssen wirtschaftlich denken. Aber ich muss es nicht und so hatte ich im Nu begeisterte Gleichgesinnte gefunden. So eine Website gibt einem die Freiheit, zu machen was man will. Mittlerweile haben wir hunderte Interviews geführt, Minibiografien geschrieben und was immer sonst uns Spaß macht, obwohl das anfangs nicht geplant war.“

Out, aber oho!

Dass Bücherumsatz und Leser abnehmen, heißt noch lange nicht, dass Lesen der Vergangenheit angehört. Viele Menschen sind in unserem blinkenden, reizüberfluteten Technikimperium faszinierter denn je vom ruhenden Buchstaben.

Stylonic: Fabelhafte-Buecher.de hat Millionen Zugriffe – das spricht gegen die Behauptung, dass Lesen „out“ wäre. Was ist deine Meinung dazu?

„Die Zahlen scheinen das dennoch zu bestätigen. Weit abgeschlagen hinter Fernsehen und PC-Spielen kommt das Lesen auf Platz 11 der beliebtesten Freizeitaktivitäten der Deutschen. Je nachdem, welcher Erhebung man glauben möchte. Aber umso aktiver sind diejenigen, die es doch tun.

Auf fabelhafte-buecher.de rezensieren zum Beispiel ein Dutzend Rezensenten zwischen 14 und 60 Jahren aus lauter Spaß immer wieder aktuelle Neuerscheinungen, mittlerweile über 1.000 an der Zahl. Das Rezensionsexemplar wird zwar gestellt – aber das alleine motiviert ja niemanden, ein Buch zu lesen und darüber zu schreiben. Anderen Portalen geht es ähnlich – Lesen fasziniert und führt vielerorts, nicht nur bei uns, zu hohen Zugriffszahlen. Und über 100.000 Neuerscheinungen jedes Jahr alleine im deutschen Sprachraum zeigen: Zur Nische ist Lesen bei uns noch lange nicht verkommen.“

Leidet bei E-Books die Qualität?

E-Book und Druckversion

Die Entscheidung der Zukunft: Bücher, E-Book oder beides?

Wir lesen nicht nur weniger, wir lesen auch anders: E-Books verdrängen die klassischen Papier-Bücher und werden von Verlagen und Privatpersonen oft in halsbrecherischem Tempo online verkauft. Ob die Qualität darunter leidet, wenn Werke wie aus der Pistole geschossen kommen?

Stylonic: Kritiker behaupten, dass durch den Indie-Trend die Qualität der Bücher, insbesondere der E-Books, rapide abnimmt. Was sagst du dazu?

Die Qualität ist in diesem Segment spürbar schlechter, ja. Das sagen mir auch die meisten Indieautoren unisono in Interviews immer wieder. Allerdings arbeiten Verlage ebenfalls in immer kürzeren Zyklen und sind wahrlich nicht in jedem Fall ein Qualitätsgarant. Was teilweise hilft, sind die Mechanismen des Marktes. Wer wegen mangelnder Qualität einige schlechte Rezensionen in großen Portalen wie Amazon erhält, stürzt in der Regel auf irrelevante Verkaufsränge ab.“

Auch Literaturwissenschaftler Roland Reuß warnt in einem Interview vor der Missachtung von ästhetischen Komfortzonen bei E-Books, die für einen anhaltenden Erfolg zunehmend vor allem eins sein müssen: billig.

Es findet eine Missachtung ästhetischer Komfortzonen statt, die es in den letzten 500 Jahren so nicht gegeben hat. Wenn ein Verlag etwas auf sich hielt, dann hat er auch darauf geachtet, dass seine Bücher gut gestaltet und optimal lesbar sind. Das kann man von den Sachen, die derzeit angeliefert werden, so nicht ohne weiteres sagen”, so Reuß im DW-Gespräch.

Das Buch der Zukunft: Aristoteles!

Anstatt die moderne Technik aber zu verteufeln, sollte sie sinnvoll in den Alltag, das Leseverhalten und den Markt integriert werden. Der aristotelische Mittelweg könnte sich in unserer Lesezukunft ein weiteres Mal bewähren. Auch Dr. Marcel Gröls würde, vor die Wahl gestellt, für den Kompromiss optieren:

„Müsste ich wählen, wäre es immer noch die Papierversion. Aber es ist ein Stück weit eine Scheindiskussion: Wir wechseln doch auch am Arbeitsplatz virtuos zwischen Papierunterlagen und Dokumenten am PC – so wie es gerade am praktischsten ist. Warum nicht auch beim privaten Lesen? Zuhause das schöne Buch, auf Reisen und in der U-Bahn der Reader.“

Zusammen mit gesunden Regulierungsmechanismen des Marktes dürfte die Offenheit für eine Melange aus Screen- und Druckversion die Zukunft unserer Lesegewohnheiten bestimmen. Wenn aus „entweder…oder“ ein harmonisches „und“ wird, kann das Lesen wieder zu einem ungezwungenen Vergnügen werden – und unsere Augen bekommen eine wohl verdiente Pause von Leuchtreklamen und Pop-up-Ads.

Oder die folgende Technik setzt sich durch und wir lesen bald alle Wörter an einer Stelle – und doppelt so schnell:

Über Dr. Marcel Gröls
Marcel Gröls, geb. 1978, betreibt mit Gleichgesinnten das Buchportal fabelhafte-buecher.de. Mit dem „Doktor Gröls Almanach der Literatur“ hat er im Hanser-Verlag die unterhaltsamsten Kuriositäten und Anekdoten des Literaturbetriebs versammelt. Gröls lebt mit seiner Familie in Hamburg.

Wir bedanken uns sehr herzlich bei Marcel Gröls für die tollen Einsichten in unser Leseverhalten und die Leidenschaft, mit der er sich dem geschriebenen Wort widmet!

 

Bildrechte: istockphoto.com/g-stockstudio/p_ponomareva; Marcel Gröls

Marie

Marie

Im Stylonic-Team versuche ich mit meiner verqueren Birne ironisch und provokant und manchmal einfach mit Berliner Schnauze die staubige Online-Landschaft etwas aufzuwirbeln. Am liebsten schreibe ich über meine eigenen Erfahrungen beim Reisen oder Tagträumen und über die ganz normalen Verrücktheiten, die uns im Leben so begegnen. Wörter, von denen die Welt mehr braucht: quietschfidel und schnabulieren.
Marie
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